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25.11.2017 Von: EH/LP

Sprechen wir darüber - Gewalt an Mädchen und jungen Frauen (#sprechenwirdarüber)

Sprechen wir darüber - Heute über die Erlebnisse von «Asta». Frauenrechte sind Menschenrechte – das gilt auch für Frauen und Mädchen im Asyl- und Ausländerrecht. Die Schweizerische Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht (SBAA) will im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» die erlebte Gewalt von Frauen im Asyl- und Ausländerrecht sichtbar machen. Mit dokumentierten Fällen und 6 Berichten der Serie «Sprechen wir darüber! Gewalt an Mädchen und Frauen auf der Flucht und im Asylverfahren» der Amnesty International Frauengruppe Zürich werden die vielfältigen Gewalterfahrungen von Migrantinnen und deren Anerkennung durch Schweizer Behörden thematisiert.


Sujet zur Kampagne 2017

«16 Tage gegen Gewalt an Frauen» 

#sprechenwirdarüber

 

 

 

Fall 307 «Asta»

«Asta» wuchs in Äthiopien bei der Frau ihres Grossvaters auf. Ihr Vater ist früh verstorben und ihre Mutter befand sich in der Schweiz. Als sie zehn Jahre alt war, organisierte ihre „Grossmutter“ eine traditionelle Beschneidung, nach der «Asta» sozial isoliert war und sich ihre Klassenkameraden über sie lustig machten. Ihre Grossmutter schlug sie schon wegen der kleinsten Fehltritte und verbot ihr, mit ihrer Mutter zu telefonieren. «Asta» wurde von einem Verwandten der Grossmutter vergewaltigt. Diese drohte «Asta» und ihren Brüdern mit dem Tod, sollten sie jemals davon berichten. Verzweifelt trank die junge Frau Javelwasser, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Schliesslich gelang ihr im Jahr 2012 mit Hilfe einer ausländischen Verwandten, welcher sie sich offenbarte, die Flucht. Als «Asta» in der Schweiz ankam, stellte die 15-jährige junge Frau ein Asylgesuch. Die Anhörung der unbegleiteten Minderjährigen zu ihren Asylgründen fand zwei Jahre später statt. «Asta» berichtete dem SEM, dass sie in Äthiopien keine Hilfe aufsuchte, da es ihr nur erlaubt war das Haus zu verlassen, um zur Schule zu gehen und sie sich vor den Konsequenzen für sich und ihre Brüder fürchtete. Das SEM fällte einen negativen Asylentscheid. Es sprach «Asta» die Flüchtlingseigenschaft ab, gewährte ihr aber die Vorläufige Aufnahme. Das SEM anerkannte, dass ihre Situation es derzeit nicht erlaubt, sie nicht zurückgeschickt werden könne, ohne dass Art. 3 EMRK verletzt würde. Es kam jedoch zum Schluss, dass ihre Motive nicht stark genug seien, um die Flüchtlingseigenschaft zu erfüllen. Sie hätte zunächst vernünftigerweise bei den Äthiopischen Behörden um Hilfe ersuchen müssen, bevor sie sich an einen Drittstaat gewendet hatte. Mit Hilfe einer Rechtsberatung reicht «Asta» einen Rekurs beim Bundesverwaltungsgericht (BVGer) ein. Im Rekurs wird herausgearbeitet, dass das Urteil des SEM unbegründet ist, da es den fehlenden Zugang zu Gerechtigkeit für Opfer von geschlechterspezifischer Gewalt in Äthiopien nicht gewährleistet ist. Das BVGer genehmigt den Rekurs und hebt die Entscheidung des SEM auf, da das Urteil nicht ausreichend begründet sei. Das Tribunal ist der Auffassung, dass das SEM seine Entscheidung nicht ausreichend begründet hat. Im Sommer 2016 erhielt «Asta» schlussendlich doch den Asylstatus mit entsprechender Aufenthaltsbewilligung B.

 

 

 

  • Wie ist es möglich, dass ein Verfahren für ein Opfer weiblicher Genitalverstümmelung, Vergewaltigung und Morddrohung, welches zusätzlich auch noch minderjährig ist, 4 Jahre dauern kann? Wieso wird ein solches Asylgesuch nicht prioritär behandelt, wie es in Menschenrechtskonventionen festgeschrieben ist?
  • Was passiert mit jenen Betroffenen, welche nicht Zugang oder Kenntnisse von einer Rechtsvertretung haben, welche Ihnen in rechtlichen Belangen zur Seite stehen und Rekurs einlegen? Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie im Fachbericht der SBAA „Frauen – Flucht – Asyl“ und im Fachbericht der SBAA „Kinder und Jugendliche auf der Flucht“.

 

 

 

 

*Dieser Fall wurde vom Observatoire romande du droit d’asile et des étrangers (ODAE) aufgearbeitet und dokumentiert*

 

 

 

 

2017 findet in der Schweiz zum zehnten Mal die internationale Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ statt. Das Fokusthema der Kampagne 2017 lautet „Sprechen wir darüber – Gewalt an Mädchen und jungen Frauen in der Schweiz“. Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren sind gemäss aktuellen Forschungsergebnissen und nationalen Statistiken einem erhöhten Risiko ausgesetzt, verschiedenste Formen von Gewalt zu erfahren. Dazu gehören sexuelle Übergriffe durch Gleichaltrige (auch in jugendlichen Paarbeziehungen), häusliche Gewalt durch Eltern oder Gewalterlebnisse im virtuellen Raum, wie Cybermobbing, Sexting oder Cyberstalking. Auch Gewalt im Migrationskontext ist in dieser Altersklasse ausgeprägt (Genitalverstümmelung, Zwangsheirat), ebenso strukturelle Gewaltformen wie Sexismus oder Diskriminierung. Mit einer öffentlichkeitswirksamen Plakatkampagne, zahlreichen Veranstaltungen und interaktiven Angeboten für Jugendliche wird das Thema gesellschaftlich enttabuisiert.

 

Die Kampagne umfasst 16 Aktionstage, die jedes Jahr am 25. November starten und am 10. Dezember enden. Mit der Verbindung dieser beiden Daten wird darauf hingewiesen, dass Frauenrechte Menschenrechte sind: Der 25. November ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen, der 10. Dezember der Tag der Menschenrechte.


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