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27.11.2017 Von: EH/AI ZH

Sprechen wir darüber - Gewalt an Mädchen und jungen Frauen (#sprechenwirdarüber)

Sprechen wir darüber - Heute über die Erlebnisse von «Eden». Frauenrechte sind Menschenrechte – das gilt auch für Frauen und Mädchen im Asyl- und Ausländerrecht. Die Schweizerische Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht (SBAA) will im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» die erlebte Gewalt von Frauen im Asyl- und Ausländerrecht sichtbar machen. Mit dokumentierten Fällen und 6 Berichten der Serie «Sprechen wir darüber! Gewalt an Mädchen und Frauen auf der Flucht und im Asylverfahren» der Amnesty International Frauengruppe Zürich werden die vielfältigen Gewalterfahrungen von Migrantinnen und deren Anerkennung durch Schweizer Behörden thematisiert.


Kampagnensujet 2017

«16 Tage gegen Gewalt an Frauen» 

 

#sprechenwirdarüber

 

 

Dieser Beitrag ist von der Frauenrechtsgruppe Zürich von Amnesty International 

 

 

Sprechen wir darüber! Gewalt an Mädchen und Frauen auf der Flucht und im Asylverfahren

 

Mädchen und Frauen, die in der Schweiz um Asyl ersuchen, haben oft vielfache Formen von Gewalt erfahren. Im Rahmen der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ wollen wir mit einer Artikelserie auf diese Gewalt aufmerksam machen. Wir berichten über Fälle, die von der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht (SBAA) dokumentiert und uns für diese Serie freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden. Sprechen wir darüber!

 

Frauenspezifische Fluchtgründe

 

Weltweit sind über 60 Millionen Menschen auf der Flucht, nur ein Bruchteil von ihnen gelangt bis Europa. Von den ca. 39 000 Asylgesuchen, die 2015 in der Schweiz eingereicht wurden, sind etwa 30% von Frauen, 5 % davon wiederum sind von unbegleiteten minderjährigen Mädchen.

 

Die Gründe, warum Frauen und Mädchen ihre Herkunftsländer verlassen, sind sehr unterschiedlich. Einige fliehen vor Kriegssituationen oder weil sie aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden. Andere begeben sich auf die Flucht, weil sie Opfer von Zwangsheiraten, genitalen Verstümmelungen, sexueller oder häuslicher Gewalt, Witwenverbrennung oder geschlechtsspezifischer Ausbeutung (Menschenhandel) wurden oder weil sie befürchten, Opfer einer solchen Misshandlung zu werden. Wieder anderen bleibt der Zugang zu Nahrung und Boden verwehrt oder sie werden aufgrund der gesellschaftlichen Position der Frau im Herkunftsland aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

 

In vielen bewaffneten Konflikten werden systematische Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen zudem als Kriegstaktik benutzt. Mit anderen Worten: Frauen und Mädchen fliehen, weil ihre grundlegendsten Rechte missachtet werden.

 

So auch im Fall von «Eden» (Fall 240):

 

Eden ist ein 14-jähriges Mädchen aus Äthiopien. 2012 war sie gezwungen ihr Zuhause zu verlassen, weil sie fürchtete, Opfer einer Zwangsheirat zu werden. Nach dem Tod ihrer älteren Schwester verlangt deren Ehemann von Edens Vater die Mitgift zurück zu erstatten oder seine verstorbene Frau durch ihre jüngere Schwester zu „ersetzen“. Ihr Vater willigt in diesen Handel ein. Eden soll ihren Schwager heiraten, als Ersatz für ihre verstorbene Schwester. Doch die 14-jährige wiedersetzt sich dieser Forderung und flieht mit ihrer Mutter in eine entfernte Grossstadt. Im Wissen, dass sie gesucht werden, verstecken sich Mutter und Tochter bei einem Freund. Falls ihr Vater sie findet, drohen Eden Vergeltungsmassnahmen, eine Entführung und Vergewaltigungen durch ihren Schwager sowie die Zwangsheirat. Im November 2013 entführt der Vater schliesslich zwei von Edens Brüdern und will sie so erpressen zurückzukommen und sich seinen Forderungen zu fügen. Eden sah sich gezwungen zu fliehen.

 

Viele weibliche Asylsuchende kommen zurzeit aus Syrien. Einerseits flüchten sie vor der Kriegsgewalt – seit dem Beginn des Konfliktes im Jahr 2011 sind mehr als hunderttausend Menschen ums Leben gekommen – andererseits wollen sie der sexuellen Gewalt entkommen, die zum Kriegsalltag dazugehört. Systematische Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt spielen im Konflikt eine bedeutende Rolle. Sie werden u.a. als Mittel zur Terrorisierung und Bestrafung von Frauen, Männern und Kindern benutzt, die unter Verdacht stehen Kontakte zur Opposition zu pflegen.

 

Auch in Eritrea, dem Land, dem zahlenmässig wichtigsten Herkunftsland von Asylsuchenden in der Schweiz, ist die Situation für Frauen äusserst prekär. Gewalt gegen Frauen ist nach wie vor ein ungelöstes gesellschaftliches Problem. Während dem Militärdienst, der für Frauen und Männer ab 18 Jahren obligatorisch ist, kommt es regelmässig zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen gegen Frauen. Häusliche Gewalt und Misshandlungen innerhalb der Ehe sind weit verbreitet. Zudem wird die weibliche Genitalverstümmelung noch immer in allen Bevölkerungsschichten praktiziert, obwohl sie seit 2007 verboten ist.

 

Dies sind nur einige wenige Beispiele für Fluchtgründe von Frauen. Generell kann gesagt werden, dass die Menschenrechtsverletzungen, die Frauen und Mädchen zur Flucht zwingen, häufig geschlechtsspezifisch sind. D.h. sie werden ihnen deshalb angetan, weil sie Frauen sind und/oder in einer Weise ausgeführt, die sie als Angehörige des weiblichen Geschlechts besonders trifft.

 

 

Deshalb stellen wir an alle Akteure im Asylwesen folgende Forderungen:

 

  • Frauenspezifischen Aspekte und kulturelle Hintergründe der Flucht müssen mehr thematisiert werden
  • Lebensrealitäten von Frauen und Mädchen in ihren Herkunftsländern sind in den Asylentscheid miteinzubeziehen
  • Frauenspezifische Fluchtgründe müssen anerkannt werden
  • Asylanträge von Mädchen und Frauen müssen im Rahmen der Spezialklausel des Dublin-Abkommens über besonders gefährdete Gruppen vermehrt in der Schweiz behandelt werden, anstatt die Betroffenen in das Ersteinreiseland zurück zu schicken.

 

 

Wenn asylsuchenden Mädchen und Frauen Gewalt geschieht: Sprechen wir darüber!

 

Dunja, Elena, Ursula, Amnesty International, Frauengruppe Zürich

 

Lesen Sie hierzu den Fachbericht der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht (SBAA) «Frauen - Flucht - Asyl»


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