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29.11.2017 Von: EH/AI ZH

Sprechen wir darüber - Gewalt an Mädchen und jungen Frauen (#sprechenwirdarüber)

Sprechen wir darüber - Heute über die Erlebnisse in Asylunterkünften. Frauenrechte sind Menschenrechte – das gilt auch für Frauen und Mädchen im Asyl- und Ausländerrecht. Die Schweizerische Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht (SBAA) will im Rahmen der Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» die erlebte Gewalt von Frauen im Asyl- und Ausländerrecht sichtbar machen. Mit dokumentierten Fällen und 6 Berichten der Serie «Sprechen wir darüber! Gewalt an Mädchen und Frauen auf der Flucht und im Asylverfahren» der Amnesty International Frauengruppe Zürich werden die vielfältigen Gewalterfahrungen von Migrantinnen und deren Anerkennung durch Schweizer Behörden thematisiert.


Kampagnensujet 2017

16 Tage gegen Gewalt an Frauen» 

 

#sprechenwirdarüber

 

 

Dieser Beitrag ist von der Frauenrechtsgruppe Zürich von Amnesty International 

 

 

Sprechen wir darüber! Gewalt an Mädchen und Frauen auf der Flucht und im Asylverfahren

 

Mädchen und Frauen, die in der Schweiz um Asyl ersuchen, haben oft vielfache Formen von Gewalt erfahren. Im Rahmen der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ wollen wir mit einer Artikelserie auf diese Gewalt aufmerksam machen. Wir berichten über Fälle, die von der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht (SBAA) dokumentiert und uns für diese Serie freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden. Sprechen wir darüber!

 

Unterbringung von asylsuchenden Mädchen und Frauen

 

Personen, die in der Schweiz um Asyl ersuchen, werden meistens in sogenannten Kollektivunterkünften (Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ); kantonale Durchgangszentren) untergebracht. Dort leben sie, bis zum Entscheid über ihr Gesuch, was zwischen zwei und sechs Monaten dauern kann. In dieser Zeit leben Frauen, Männer und Familien auf engstem Raum zusammen, was oft - vor allem für Mädchen und Frauen - zu unangenehmen Einschränkungen ihrer Privatsphäre führt. 

 

Immer wieder berichten weibliche Asylsuchende von Belästigungen oder von einem gewaltbeherrschten und räumlich oft sehr beengten Umfeld. Familien, alleinstehende Frauen oder alleinstehende Männer werden in getrennten Zimmern untergebracht. Aber der Weg zur Toilette oder zu den Duschen ist gemeinsam. Vor allem nachts kann dieser Weg zu den gemeinsamen Toiletten oder Duschen für Mädchen und Frauen mit grosser Angst belastet sein, da sie Belästigungen und Übergriffe ausgesetzt sein können. 

 

Für Mädchen oder Frauen, die in ihrem Herkunftsland Opfer von sexueller oder häuslicher Gewalt waren oder sexuell ausgebeutet wurden, kann diese enge räumliche Unterbringung zu grosser Unsicherheit führen. Es gibt Frauen, die sich deshalb in ihr Zimmer zurückziehen und es - vor allem auch nachts für den Gang zur Toilette - kaum mehr zu verlassen wagen. Auch gibt es in den meisten Zentren keine separaten (Aufenthalts)Räume für Frauen, die sie aber dringend bräuchten, um sich untereinander vernetzen, ungestört austauschen und unbeobachtet bewegen zu können.

 

Oft kommt es vor, dass männliche Betreuungspersonen die Zimmer von Mädchen und Frauen nach kurzem Anklopfen und ohne Abwarten einer Antwort mit einem Generalschlüssel betreten. Dieses Verhalten kann die Angst und Verunsicherung der Mädchen und Frauen zusätzlich vergrössern und die Situation für die Betroffenen ins Unerträgliche steigern.

 

In den meisten Zentren gibt es keine speziellen Betreuungspersonen für die Asylsuchenden, sondern die Mitarbeitenden müssen diese Funktion neben ihrer grossen Arbeitsbelastung auch noch ausfüllen. Damit fehlt es aber meistens an Zeit ein Vertrauensverhältnis zu den asylsuchenden Mädchen und Frauen aufzubauen. Viele von ihnen sind durch die Flucht gesundheitlich und psychisch angeschlagen, viele haben in ihrem Heimatland und auf der Flucht schwere Traumatisierungen erleiden müssen. Wenn die Mädchen und Frauen sich in sich zurückziehen und ihre Probleme unerkannt und unbehandelt bleiben, kann das schwerwiegende Folgen für den weiteren Verlauf ihres Lebens haben. Erlittene Traumatisierungen, gesundheitliche und psychische Probleme asylsuchende Frauen müssen frühzeitig erfasst und behandelt werden, sonst drohen Suizidversuche und/oder eine weitere Verschlechterung und Chronifizierung ihres gesundheitlichen oder psychischen Leidens.

 

Eine psychologisch geschulte Ansprech- und Betreuungsperson in den Durchgangszentren ist ein absolutes Muss, damit solche Fälle rasch erkannt und die Frauen entsprechend behandelt werden können. Dies würde nicht nur eine unnötige Vergrösserung des Leidens der Betroffenen verhindern. Es würde auch die Kosten für den Staat reduzieren, denn die Folgekosten, die durch unbehandelte Traumata entstehen, sind in der Regel erheblich höher. Grundsätzlich werden in allen Durchgangszentren Sprachkurse angeboten. Problematisch ist aber, dass viele asylsuchende Frauen nicht an diesen Sprachkursen teilnehmen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen fehlt oft eine Kinderbetreuung für die Zeit, die die Frauen im Sprachkurs verbringen würden. Zum anderen sind die Kurse oft von Männern überfüllt, was viele Frauen aufgrund ihrer Erziehung und Kultur davon abhält sich für diese Kurse einzuschreiben. Dieser Umstand führt später zu Schwierigkeiten bei der Integration in die schweizerische Gesellschaft und ins Berufsleben.

 

Die von den Zentren angebotenen Beschäftigungsmöglichkeiten in der gemeinützigen Arbeit (z.B. Aufräum- und Frostarbeiten, Seeuferreinigungen, Waldpflegearbeiten) sind ebenfalls meist auf Männer ausgerichtet. Auch hier werden die spezifischen Bedürfnisse von Mädchen und Frauen kaum berücksichtigt, was eine weitere Benachteiligung und Einschränkung für sie bedeutet.

Zahlreichen Einschränkungen, nicht Erkennen und nicht Eingehen auf ihre spezifischen Bedürfnisse, das Fokussieren auf männliche Asylsuchende, sind Formen von Gewalt an asylsuchenden Mädchen und Frauen. Diese Gewalt muss erkannt und über sie muss gesprochen werden. Es darf nicht sein, dass sie unbemerkt hingenommen oder unverändert weitergeführt wird.

 

Deshalb stellen wir an alle Akteure im Asylwesen folgende Forderungen:

 

  • Das Recht auf Privatsphäre muss bei der Unterbringung von Frauen und Mädchen in den Empfangszentren unbedingt berücksichtigt werden
  • In den Empfangszentren müssen geschulte Personen anwesend sein, um traumatisierte Mädchen und Frauen zu erkennen und entsprechende Massnahmen in die Wege zu leiten
  • Beschäftigungsmöglichkeiten in den Aufnahmezentren müssen auch im Hinblick auf Frauen und Mädchen angeboten werden

 

 

 

 

Wenn asylsuchenden Mädchen und Frauen Gewalt geschieht: Sprechen wir darüber!

 

Dunja, Elena, Ursula, Amnesty International, Frauengruppe Zürich

 

Lesen Sie hierzu den Fachbericht der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht (SBAA) «Frauen - Flucht - Asyl»


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