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05.11.2015

Wegweisung einer Mutter und ihren drei Kindern nach Guinea trotz dro-hender Zwangsverheiratung und Beschneidung der Töchter

Urteil vom 14.04.2014 E-2155/2014


Beschneidung und Zwangsheirat in Guinea

Guinea ist bekannt für die höchste gemessene Verbreitungsrate von weiblicher Genitalverstümmelung. 96% der Mädchen und Frauen zwischen 15-49 Jahren (je nach Region bereits ab dem 4. Lebensjahr) werden beschnitten (Conakry 94%). Obwohl es immer wie mehr Zusprüche gibt, dass die weibliche Genitalverstümmelung nicht mehr praktiziert werden soll, ist fast jedes junge Mädchen in Guinea beschnitten. Eine Frau mit unversehrten Genitalien gilt als nicht ebenbürtig, rein und achtenswert. Obwohl seit den 60er Jahren harte Strafen für die Genitalverstümmelung vorgesehen werden, kam dieses Gesetz bis heute nicht zur Anwendung, da es diesbezüglich noch kein Verfahren gab. Auch sind 60% der Mädchen im Kindesalter in Guinea von der Zwangsheirat betroffen.

 

Urteil vom 14.04.2014 E-2155/2014

Die Beschwerdeführerin, welche in Senegal geboren wurde, verliess Guinea und stellte in der Schweiz im August 2012 ein Asylgesuch. Zu den Asylgründen machte sie im Wesentlichen geltend, dass sie, nachdem sie die Schule in Senegal beendet hatte, im Jahr 2002 nach Guinea zurückgekehrt ist und dort bei einem Onkel lebte. Ohne das Wissen ihrer Eltern und ohne ihre Zustimmung wurde sie 2004 von ihm zwangsverheiratet. 2012 hat ihr Ehemann ihr mitgeteilt, dass sein Bruder, welcher das Oberhaupt der Familie ist, ihre damals 7 jährige Tochter mit einem älteren Mann verheiraten will und zudem sollen ihre beiden Mädchen beschnitten werden. Ihr Ehemann, welcher zwar für die Beschneidung jedoch gegen die Zwangsheirat ist, traute sich nicht dem Bruder zu widersetzen. Sie selber hatte auch nicht den Mut gehabt dies der Behörde zu melden, da alles der guineischen Tradition entsprechen würde. Deshalb haben sie und ihre Kinder mit der Unterstützung ihres Ehemannes das Land verlassen. Bei einer Rückkehr nach Guinea befürchtet sie, dass man ihr die Kinder wegnehmen und misshandeln würde, denn gemäss Kultur gehören sie der Familie des Ehemannes.

 

Erwägungen des Bundesverwaltungsgerichts

Zur Begründung der angefochtenen Verfügung führt die Vorinstanz aus, dass die Beschwerdeführerin ihre ablehnende Haltung zur Beschneidung nicht deutlich zum Ausdruck gebracht hat und ihre Schilderungen nur vage ausgefallen sind. Dies erstaunt umso mehr, dass sie über eine gute Ausbildung verfüge und eine bessere Argumentation erwartet werden könne. Zudem seien ihre Aussagen ohne persönliche Überzeugung und Betroffenheit.

 

Die Vorinstanz bestätigt zwar, dass in Guinea die weibliche Genitalverstümmelung trotz geltendem Verbot weit verbreitet ist, jedoch stehe die Beschwerdeführerin mit der ablehnenden Haltung nicht alleine dar und könne vor Ort mit staatlicher oder nicht staatlicher Hilfe rechnen. Das gleiche gilt ebenfalls für die Zwangsheirat, welche ebenfalls verboten und trotzdem weit verbreitet ist. Auch dafür seien staatliche Stellen vorgesehen. Damit stehe ihr hinreichende Infrastruktur zur Verfügung. Zudem könne sie auf die Unterstützung ihrer Familie zählen, welche gut statuiert und gebildet ist, und auf einen Anwalt zurückgreifen.

 

Gemäss Vorinstanz lässt sich somit aufgrund der familiären und staatlichen Unterstützung nicht darauf schliessen, dass die Töchter zwangsverheiratet oder beschnitten werden.

 

Ausserdem besteht gemäss Vorinstanz der Verdacht, dass es für die Ausreise andere Gründe gegeben hat, da der Ehemann nur gegen die Zwangsverheiratung und nicht gegen die Beschneidung war. Dem Ehemann liegt es am Wohlergehen seiner Familie, deshalb hätte eine andere Fluchtalternative gewählt werden müssen, bei welcher die Familie zusammenbliebe und nicht getrennt werde. So wäre es naheliegender gewesen nach Senegal (aufgrund des langjährigen Aufenthalts) zu reisen und nicht eine riskante Fluchtalternative durchs Mittelmeer nach Europa zu wählen.

 

Somit habe die Beschwerdeführerin nichts vorgebracht dass geeignet wäre die Flüchtlingseigenschaft nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Das Asylgesuch wurde abgewiesen.

 

Es darf nicht sein, dass die Schweiz auch nur das geringste Risiko eingeht eine Frau und ihre Töchter der Gefahr einer Beschneidung oder Zwangsverheiratung auszusetzen. In solchen Fällen müsste diesen besonders verletzlichen Personen dringend Schutz gewährt werden.

 

Weitere Fälle der SBAA zum Thema auf unserer Falldatenbank: Fall 147, 179 oder auch Fall 222.


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