Afgha­ni­sche Frau­en: Eine Moti­on, die das Asyl­recht fron­tal angreift

Nach­dem der Natio­nal­rat die SVP-Moti­on 26.3668 ange­nom­men hat, die ver­langt, die Pra­xis­än­de­rung des SEMs betref­fend afgha­ni­sche Frau­en und Mäd­chen rück­gän­gig zu machen, wird sich am 1. Okto­ber der Stän­de­rat mit die­ser Fra­ge befas­sen. Für die unter­zeich­nen­den Orga­ni­sa­tio­nen ist die­ser Ent­scheid in mehr­fa­cher Hin­sicht alarmierend.

Ori­gi­na­le Medi­en­mit­tei­lung der CSP Genf auf Französisch.

Am ver­gan­ge­nen 17. Sep­tem­ber hat der Natio­nal­rat die SVP-Moti­on 26.3668 ange­nom­men, die ver­langt, die Pra­xis­än­de­rung des Staats­se­kre­ta­ri­ats für Migra­ti­on (SEM) betref­fend afgha­ni­sche Frau­en und Mäd­chen rück­gän­gig zu machen. Für die unter­zeich­nen­den Orga­ni­sa­tio­nen, dar­un­ter die SBAA, ist die­ser Ent­scheid in mehr­fa­cher Hin­sicht alar­mie­rend: Er beruht auf einer offen­sicht­li­chen Ver­ken­nung des der­zeit ange­wand­ten Ver­fah­rens, stellt die Aner­ken­nung der sys­te­ma­ti­schen Ver­fol­gung von Frau­en in Afgha­ni­stan infra­ge und greift die Grund­la­gen des Asyl­rechts direkt an [1]. Am 1. Okto­ber wird sich nun auch der Stän­de­rat mit die­ser Fra­ge befassen.

Eine Ver­ken­nung des aktu­el­len Verfahrens

Eine zen­tra­le Behaup­tung die­ser Motio­nen lau­tet, dass afgha­ni­sche Frau­en seit der Pra­xis­än­de­rung des SEMs Asyl erhal­ten wür­den, ohne dass ihr Fall tat­säch­lich indi­vi­du­ell geprüft wür­de. Das ist schlicht falsch.

Seit dem 17. Juli 2023 geht das SEM davon aus, dass Frau­en und Mäd­chen aus Afgha­ni­stan Opfer dis­kri­mi­nie­ren­der Gesetz­ge­bung und einer Ver­fol­gung aus asyl­recht­lich rele­van­ten Grün­den sind. Die Aner­ken­nung eines geschlechts­spe­zi­fi­schen Ver­fol­gungs­grun­des führt jedoch kei­nes­wegs auto­ma­tisch zur Asyl­ge­wäh­rung: Jede neu in die Schweiz ein­ge­reis­te afgha­ni­sche Frau, die ein Asyl­ge­such stellt, wird – vor­be­halt­lich der Dub­lin-Ver­fah­ren – per­sön­lich zu ihren Asyl­grün­den ange­hört. Ledig­lich Frau­en, die bereits vor­läu­fig auf­ge­nom­men sind und somit zuvor bereits ein Asyl­ver­fah­ren durch­lau­fen haben, in dem ihre indi­vi­du­el­le Situa­ti­on fest­ge­stellt wur­de, müs­sen nicht das gesam­te Ver­fah­ren erneut durch­lau­fen. Ihr nach­träg­li­ches Gesuch um Aner­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft wird schrift­lich behan­delt – mit­tels des von den Motio­när kri­ti­sier­ten Formulars.

Das­sel­be gilt für das Argu­ment bezüg­lich Frau­en, die zuvor im Iran, in Paki­stan oder in einem ande­ren Staat gelebt haben. Die Pra­xis­än­de­rung von 2023 hat die Regeln zu Dritt­staa­ten nicht auf­ge­ho­ben. Kann eine Frau in einen Staat zurück­keh­ren, in dem sie tat­säch­lich Schutz geniesst, tritt die Bun­des­be­hör­de auf das Gesuch nicht ein und kann eine Weg­wei­sung anordnen.

Die heu­ti­ge Pra­xis als auto­ma­ti­sche Asyl­ge­wäh­rung für afgha­ni­sche Frau­en dar­zu­stel­len, ver­kennt somit die tat­säch­li­che Funk­ti­ons­wei­se des Verfahrens.

Ein Angriff auf die Rech­te der Frauen

Die Debat­te lässt sich jedoch nicht auf eine Ver­fah­rens­fra­ge redu­zie­ren. Der Pra­xis­wech­sel von 2023 war eine Reak­ti­on auf die doku­men­tier­te Situa­ti­on in Afgha­ni­stan. Seit dem Regime­wech­sel in Afgha­ni­stan im Jahr 2021 dür­fen Mäd­chen und Frau­en nach dem Alter von zwölf Jah­ren kei­ne Schu­le mehr besu­chen, dür­fen sich nicht mehr ohne männ­li­che Beglei­tung aus­ser Haus bewe­gen und nicht mehr für inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen oder den Staat arbei­ten. Zwangs­hei­ra­ten, Früh- und Kin­der­ehen haben eben­so zuge­nom­men wie Gewalt im häus­li­chen und öffent­li­chen Raum [2].

Die Schweiz steht mit die­ser Ein­schät­zung nicht allein. Das SEM folg­te den Emp­feh­lun­gen der Asyl­agen­tur der Euro­päi­schen Uni­on (EUAA) [3]. Sei­ne Pra­xis wur­de sowohl vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (D‑4386/2022 vom 22. Novem­ber 2023) als auch vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on (C‑608/22 und C‑609/22) bestä­tigt.

Es gilt dar­an zu erin­nern: Eine indi­vi­du­el­le Prü­fung bedeu­tet nicht, dass jede Frau eine zusätz­li­che Ver­fol­gung nach­wei­sen muss, durch die sie sich von allen ande­ren Frau­en unter­schei­det. Afgha­ni­schen Frau­en wer­den Bil­dung, Arbeit, Bewe­gungs­frei­heit und Selbst­be­stim­mung nicht des­halb vor­ent­hal­ten, weil die Tali­ban jede ein­zel­ne von ihnen per­sön­lich als Geg­ne­rin iden­ti­fi­ziert hät­ten. Sie sind die­sen Mass­nah­men aus­ge­setzt, weil sie Frau­en sind.

Mit ande­ren Wor­ten: Mit der Annah­me die­ser Moti­on hat der Natio­nal­rat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass eine Frau unter dem Tali­ban-Regime zu sein nicht bedeu­tet, ver­folgt zu sein.

Ein Angriff auf das Asylrecht

Es geht dabei um mehr als das Schick­sal afgha­ni­scher Frau­en. Das Asyl­recht beruht auf einem grund­le­gen­den Prin­zip: Die Aner­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft rich­tet sich nach recht­li­chen Kri­te­ri­en hin­sicht­lich Ver­fol­gung und Schutz – und nicht danach, ob die Aner­ken­nung einer bestimm­ten Per­so­nen­grup­pe poli­tisch oppor­tun erscheint. Geschlechts­spe­zi­fi­sche Ver­fol­gung ist eine Ver­fol­gung im Sin­ne des Flüchtlingsrechts.

Gera­de des­halb ist der Ent­scheid des Natio­nal­rats beson­ders besorg­nis­er­re­gend. Wenn die Reak­ti­on auf eine doku­men­tier­te Ver­fol­gung davon abhän­gig gemacht wird, ob die Fol­gen ihrer Aner­ken­nung poli­tisch akzep­ta­bel erschei­nen – etwa hin­sicht­lich der Zahl der betrof­fe­nen Per­so­nen, der Mög­lich­keit des Fami­li­en­nach­zugs oder der Aus­wir­kun­gen auf die Asyl­sta­tis­tik –, besteht die Gefahr, dass die Gren­ze zwi­schen Recht und poli­ti­schen Kräf­te­ver­hält­nis­sen zuneh­mend ver­scho­ben wird. Damit steht letzt­lich auch das Prin­zip der Gewal­ten­tei­lung auf dem Spiel.

Das Asyl­recht ist kein Was­ser­hahn, den man je nach den aktu­el­len poli­ti­schen Mehr­hei­ten auf- oder zudre­hen kann. Sowohl die von der Schweiz rati­fi­zier­te Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on als auch die Bun­des­ver­fas­sung und das schwei­ze­ri­sche Gesetz ver­pflich­ten unse­re Behör­den, Per­so­nen Asyl zu gewäh­ren, die in ihrem Her­kunfts­land ver­folgt wer­den und sich nicht in einen Dritt­staat bege­ben kön­nen. Die Rück­kehr zur frü­he­ren Pra­xis zu ver­lan­gen bedeu­tet, die Nicht­an­wen­dung des gel­ten­den Rechts zu for­dern und die Grund­la­gen des schwei­ze­ri­schen und inter­na­tio­na­len Asyl­rechts anzugreifen.

Nun liegt es am Stän­de­rat, am 1. Okto­ber über die­se Fra­ge zu ent­schei­den. Die unter­zeich­nen­den Orga­ni­sa­tio­nen for­dern die Mit­glie­der des Stän­de­rats auf, die Fra­ge im Lich­te der Frau­en­rech­te, des Asyl­rechts und der tat­säch­li­chen Fak­ten­la­ge zu beurteilen.

Unter­zeich­nen­de Organisationen
CSP Genè­ve, 3ChêneAccueil, asile.ch, Asylex, Cari­tas Genè­ve, COER Vaud, Coor­di­na­ti­on asile.ge, Droit de Res­ter Fri­bourg, Droit de Res­ter Neu­châ­tel, Droit de Res­ter Valais, Droit de Res­ter Vaud, eli­sa-asi­le, EPER, Frei­platz­ak­ti­on Basel, Frei­platz­ak­ti­on Zürich, Gez­a­na, Demo­kra­ti­sche Jurist Schweiz, SBAA, Pikett Asyl, Plus For­tes Ensem­ble, Rain­bow Spot, Soli­da­ri­té sans fron­tiè­res (SOSF), Soli­da­ri­té Tattes

Medi­en­kon­takt
Raphaël Rey, CSP Genè­ve raphael.rey@csp-ge.ch

[1] Sie­he asile.ch, «Femmes afgha­nes : nou­vel­le offen­si­ve cont­re leur droit à l’asile», 14.09.2026.

[2] Sie­he unter ande­rem: EUAA, «Afgha­ni­stan: Tali­ban rest­ric­tions on women and girls amount to per­se­cu­ti­on», 25.01.2023; Corin­ne Reber & Marc Baum­gart­ner, «Afgha­ni­stan. Une situa­ti­on con­sidé­ra­blem­ent amé­lio­rée?», asile.ch Nr. 204, Sept.–Okt. 2025; UN Women, «Afghanistan’s women are still fight­ing: Insi­de the fight for rights under Tali­ban», Juli 2025; SFH, Facts­heet: Afgha­ni­stan, Mai 2026.

[3] asile.ch, «Refu­ser la qua­li­té de réfu­giée aux femmes afgha­nes ? Une nou­vel­le attaque de la droi­te au droit d’asile», 01.12.2023.