Ana­ly­se: Veto­recht bei Bundesasylzentren

Stel­lung­nah­me zu den Motio­nen 26.3616 und 26.3655 von Chia­ra Bug­mann, Co-Geschäfts­lei­te­rin der SBAA und Lei­te­rin Platt­form ZiAB 

Veto­recht bei Bun­des­asyl­zen­tren: Die Fra­ge nach dem Wohl­erge­hen der asyl­su­chen­den Per­so­nen bleibt ausgeklammert

Die bei­den gleich­lau­ten­den Motio­nen 26.3616 und 26.3655 «Kei­ne neu­en Asyl­un­ter­künf­te ohne Zustim­mung der betrof­fe­nen Bevöl­ke­rung. Veto­recht für Stand­ort­ge­mein­den» ver­lan­gen, dass Stand­ort-Gemein­den die Schaf­fung neu­er Bun­des­asyl­zen­tren mit einem Veto ver­hin­dern kön­nen. Ledig­lich wenn in einer «Aus­nah­me­si­tua­ti­on» Mass­nah­men nach Art. 55 Abs. 2 AsylG ergrif­fen wer­den, soll davon abge­wi­chen wer­den kön­nen. Bereits auf den ers­ten Blick weist die Begrün­dung der Motio­nen offen­sicht­li­che Lücken auf: Als Nega­tiv­bei­spie­le wer­den das Rück­kehr­zen­trum in Büren an der Aare und die geplan­te Kol­lek­tiv­un­ter­kunft in Kan­der­steg genannt, obwohl es sich bei bei­den um kan­to­na­le Struk­tu­ren han­delt, für die nicht der Bund, son­dern die Kan­to­ne ver­ant­wort­lich sind. Mit kei­nem Wort erwähnt wird zudem, dass Kan­to­ne und Gemein­den bereits heu­te in die Pla­nung von Bun­des­asyl­zen­tren ein­be­zo­gen wer­den und über Mög­lich­kei­ten ver­fü­gen, sich in die Ver­fah­ren ein­zu­brin­gen und Ein­spra­che zu erhe­ben. Hin­zu kommt, dass ein Veto­recht der Stand­ort­ge­mein­den den Auf­bau der Bun­des­asyl­zen­tren zusätz­lich erschwe­ren dürf­te. Die mit der Neu­struk­tu­rie­rung des Asyl­be­reichs im Jahr 2014 poli­tisch ver­ein­bar­ten 5’000 regu­lä­ren Plät­ze in Bun­des­asyl­zen­tren wur­den bis heu­te nicht erreicht.

Viel­fäl­ti­ges zivil­ge­sell­schaft­li­ches Engagement

Als Haupt­ar­gu­ment der Moti­on wird die erheb­li­che Belas­tung auf­ge­führt, wel­che die Bun­des­asyl­zen­tren angeb­lich für die Gemein­den und die loka­le Bevöl­ke­rung dar­stel­len. Die­se Argu­men­ta­ti­on fin­det sich auch immer wie­der im öffent­li­chen Dis­kurs, in dem ins­be­son­de­re die Sicher­heits­be­den­ken der loka­len Bevöl­ke­rung viel Auf­merk­sam­keit erhal­ten. Was hin­ge­gen viel zu wenig Beach­tung erhält, ist das viel­fäl­ti­ge zivil­ge­sell­schaft­li­che Enga­ge­ment, das sich in den letz­ten Jah­ren rund um die Bun­des­asyl­zen­tren ent­wi­ckelt hat. Zahl­rei­che Ver­ei­ne, kirch­li­che Akteur*innen, soli­da­ri­sche Kol­lek­ti­ve, NGOs und Ein­zel­per­so­nen enga­gie­ren sich für die Men­schen, die in den Zen­tren woh­nen. Sie schaf­fen Begeg­nungs­räu­me, kochen gemein­sam, orga­ni­sie­ren Spiel­nach­mit­ta­ge für Kin­der und bie­ten den Neu­an­kom­men­den eine ers­te Ori­en­tie­rung. Die­ses Enga­ge­ment zeich­net ein ande­res Bild als jenes, das die Moti­on ver­mit­telt. In der gan­zen Schweiz orga­ni­sie­ren sich Men­schen aus der loka­len Bevöl­ke­rung rund um Bun­des­asyl­zen­tren und set­zen sich dafür ein, dass die dort leben­den Men­schen am gesell­schaft­li­chen Leben teil­ha­ben kön­nen und bestehen­de Hür­den abge­baut wer­den. Dahin­ter steht eine Hal­tung, die auch die poli­ti­sche Debat­te stär­ker prä­gen soll­te: Men­schen, die in der Schweiz Schutz suchen, nicht als Bedro­hung dar­zu­stel­len oder auf ein ver­meint­li­ches Sicher­heits­ri­si­ko zu redu­zie­ren, son­dern ihr Wohl­erge­hen ins Zen­trum zu stellen.

Die ande­re Sei­te der Sicherheitsdebatte

Gänz­lich aus­ge­klam­mert bei der gan­zen Debat­te bleibt die Fra­ge, inwie­fern die Bun­des­asyl­zen­tren den Schutz und die Sicher­heit der asyl­su­chen­den Men­schen gewähr­leis­ten kön­nen. Wie wich­tig die genaue­re Unter­su­chung die­ser Fra­ge jedoch wäre, zeigt sich bei­spiels­wei­se bei einem Blick auf Unter­künf­te der tem­po­rä­ren Not­fall­pla­nung: Ein Drit­tel der rund 30 Bun­des­asyl­zen­tren sind der­zeit soge­nann­te Not­fall­stand­or­te. Dazu gehö­ren unter ande­rem die Mehr­zweck­hal­le in Thun und die Zivil­schutz­an­la­ge in Nie­der­scher­li. Auch lässt sich dar­über strei­ten, inwie­fern «Not­fall­pla­nung» noch ein pas­sen­der Begriff ist, wenn etwa der in einer Mili­tär­hal­le ein­ge­rich­te­te Not­fall­stand­ort Brugg, der bereits seit 2020 in Gebrauch ist, gera­de um drei wei­te­re Jah­re ver­län­gert wur­de. Doch auch die Betrach­tung der regu­lä­ren Stand­or­te wirft Fra­gen auf: Im Sep­tem­ber 2026 wur­de in Alt­stät­ten SG ein neu­es Bun­des­asyl­zen­trum eröff­net, weit aus­ser­halb der Stadt und direkt neben einem Regio­nal­ge­fäng­nis. Die­se Bei­spie­le zei­gen, was im öffent­li­chen Dis­kurs fehlt. Statt nur die Sicher­heits­be­den­ken der loka­len Bevöl­ke­rung ins Zen­trum zu stel­len, müs­sen wir dar­über spre­chen, inwie­fern ehe­ma­li­ge Mili­tär­ge­bäu­de, Mehr­zweck­hal­len, unter­ir­di­sche Zivil­schutz­an­la­gen und Unter­künf­te, die vom rest­li­chen gesell­schaft­li­chen Leben abge­schirmt sind, trag­ba­re Wohn­or­te für Men­schen sind, die in der Schweiz Schutz suchen. Und ganz grund­sätz­lich muss dar­über dis­ku­tiert wer­den, ob sich Kol­lek­tiv­un­ter­künf­te über­haupt am Wohl­erge­hen ihrer Bewoh­nen­den aus­rich­ten kön­nen oder ob es nicht ande­re For­men des Woh­nens braucht.

Die Ein­ord­nung wei­te­re Geschäf­te zur aktu­el­len Herbst­ses­si­on fin­den Sie wie immer in unse­rem aktu­el­len Par­Let­ter. Die SBAA steht bei der Ana­ly­se der Geschäf­te in engem Aus­tausch mit Expert:innen und ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen aus dem Migra­ti­ons­be­reich. Wei­te­re Hin­ter­grund­ar­ti­kel fin­den Sie auf den Web­sites von SOSF, asile.ch, eli­sa-asi­le und CSP.

16. Sep­tem­ber 2026 (cb)