Ana­ly­se: Wer­den Asyl­su­chen­de bei der unent­gelt­li­chen Rechts­pfle­ge begünstigt?

Ana­ly­se der Moti­on 25.3635 (Moti­on Stark)

Gemäss Moti­on 25.3635 soll der Bun­des­rat beauf­tragt wer­den, die Geset­zes­be­stim­mun­gen so anzu­pas­sen, dass der Anspruch auf unent­gelt­li­che Rechts­ver­tre­tung für Per­so­nen im Asyl­ver­fah­ren ein­ge­schränkt wird. Ins­be­son­de­re soll die­ser Anspruch in Rechts­mit­tel­ver­fah­ren nur noch gewährt wer­den, wenn die Pro­zess­füh­rung als aus­sichts­reich erscheint. Es sei nicht gerecht­fer­tigt, Asyl­su­chen­den gene­rell und unab­hän­gig von den Umstän­den ein güns­ti­ge­res Recht zu gewäh­ren als der übri­gen Bevöl­ke­rung. Eine Rechts­ver­tre­tung sol­le nur noch gewährt wer­den, wenn das Asyl­ge­such nicht aus­sichts­los ist.

Die Moti­on ver­kennt die Aus­ge­stal­tung des schwei­ze­ri­schen Asyl­ver­fah­rens und erweckt den Ein­druck, es wür­den unnö­ti­ge und lang­wie­ri­ge Beschwer­de­ver­fah­ren geführt. Nach einem nega­ti­ven Asy­l­ent­scheid steht Asyl­su­chen­den grund­sätz­lich jedoch nur eine ein­zi­ge Beschwer­de­instanz offen: das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt.  Gleich­zei­tig gilt bereits heu­te, dass die unent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge und Rechts­ver­tre­tung im Beschwer­de­ver­fah­ren nur gewährt wer­den, wenn die betrof­fe­ne Per­son bedürf­tig ist und das Rechts­mit­tel nicht aus­sichts­los erscheint (Art. 29 Abs. 3 BV). Die Ver­tre­tung kann ihr Man­dat vor­zei­tig nie­der­le­gen, wenn sie wegen Aus­sichts­lo­sig­keit «nicht gewillt ist, eine Beschwer­de ein­zu­rei­chen» (Art. 102h Abs. 4 AsylG).[1]  Die zen­tra­le For­de­rung der Moti­on ent­spricht damit weit­ge­hend bereits gel­ten­dem Recht.[2]

Die unent­gelt­li­che Rechts­ver­tre­tung stellt sicher, dass auch Per­so­nen ohne aus­rei­chen­de finan­zi­el­le Res­sour­cen Zugang zu recht­li­chem Bei­stand erhal­ten. Die­ses Recht ist eine zen­tra­le Garan­tie unse­res demo­kra­ti­schen Rechts­staats, gewähr­leis­tet fai­re Ver­fah­ren und steht als ver­fas­sungs­recht­li­cher Grund­satz allen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten zu – also auch Schwei­zer Bür­ge­rin­nen und Bür­gern. Asyl­su­chen­den wird hier gene­rell kein güns­ti­ge­res Recht zuteil als der übri­gen Bevölkerung.

Die Ein­füh­rung des beschleu­nig­ten Asyl­ver­fah­rens ging mit stark ver­kürz­ten Beschwer­de- und Ver­fah­rens­fris­ten ein­her, teil­wei­se von nur fünf Tagen. Aus rechts­staat­li­cher Sicht war es des­halb unab­ding­bar, den Asyl­su­chen­den gesetz­lich eine man­da­tier­te Rechts­ver­tre­tung zuzu­er­ken­nen (s. Art. 102f AsylG und Art. 102h AsylG). Der Bun­des­rat selbst bezeich­net die kos­ten­lo­se Rechts­ver­tre­tung als «Schlüs­sel zur Verfahrensbeschleunigung».

Gemäss bun­des­ge­richt­li­cher Recht­spre­chung ist bei der Beur­tei­lung des Anspruchs auf unent­gelt­li­che Rechts­ver­tre­tung die Fähig­keit der betrof­fe­nen Per­son zu berück­sich­ti­gen, sich im Ver­fah­ren zurecht­zu­fin­den (BGE 125 V 32 E. 4b E. 3a). Gera­de Asyl­su­chen­de ken­nen das schwei­ze­ri­sche Rechts­sys­tem meist nicht und spre­chen oft kei­ne Amts­spra­che. Wie der Bun­des­rat in sei­ner Ant­wort tref­fend aus­führt, haben Asyl­su­chen­de daher oft kei­ne Chan­ce, die Ver­fah­ren, Abläu­fe und Vor­aus­set­zun­gen hin­rei­chend zu ver­ste­hen. Da im Asyl­ver­fah­ren über exis­ten­zi­el­le Fra­gen ent­schie­den wird, die Leib und Leben betref­fen, kommt dem Anspruch auf unent­gelt­li­che Rechts­ver­tre­tung hier beson­de­re Bedeu­tung zu.

Die Pra­xis zeigt, dass zahl­rei­che Ver­fah­ren, die von den zuge­wie­se­nen Rechts­ver­tre­tun­gen als aus­sichts­los ein­ge­stuft wur­den, kei­nes­wegs aus­sichts­los waren. Eine Aus­wer­tung der Gerichts­sta­tis­ti­ken durch Pikett Asyl belegt: Über einen Zeit­raum von zwei Jah­ren stamm­ten in der Asyl­re­gi­on Zürich bis zu 61 % der erfolg­rei­chen Beschwer­den nicht von der zuge­wie­se­nen, son­dern von einer unab­hän­gi­gen Rechts­ver­tre­tung oder von Lai­en.[3] In vie­len Fäl­len wur­de also das Man­dat durch die zuge­wie­se­ne Rechts­ver­tre­tung nie­der­ge­legt, obwohl rea­le Erfolgs­chan­cen bestan­den hätten.

Ange­sichts der obi­gen Aus­füh­run­gen muss die Fra­ge, ob Asyl­su­chen­de bei der unent­gelt­li­chen Rechts­pfle­ge begüns­tigt wer­den, klar ver­neint wer­den. Die Argu­men­ta­ti­on der Moti­on greift zu kurz. Weder wird Asyl­su­chen­den gene­rell ein güns­ti­ge­res Recht gewährt als der übri­gen Bevöl­ke­rung, noch wer­den sys­te­ma­tisch aus­sichts­lo­se Ver­fah­ren geführt. Viel­mehr ist die unent­gelt­li­che Rechts­ver­tre­tung zen­tra­le Vor­aus­set­zung dafür, dass die stark beschleu­nig­ten Asyl­ver­fah­ren über­haupt rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen genügen.

3. Juni 2026, Lars Schepp­ach, Pro­gramm­lei­ter SBAA

 

Die Ein­ord­nung wei­te­re Geschäf­te zur aktu­el­len Som­mer­ses­si­on fin­den Sie wie immer in unse­rem aktu­el­len Par­Let­ter. Die SBAA steht bei der Ana­ly­se der Geschäf­te in engem Aus­tausch mit Expert:innen und ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen aus dem Migra­ti­ons­be­reich. Wei­te­re Hin­ter­grund­ar­ti­kel fin­den Sie auf den Web­sites von SOSF, asile.ch, eli­sa-asi­le und CSP.

[1] Aus der Stel­lung­nah­me des Bun­des­rats vom 20.08.2025: «Die­se gesetz­li­che Prü­fungs­pflicht der Aus­sichts­lo­sig­keit einer Beschwer­de an das BVGer ist im Pflich­ten­heft zur Bera­tung und Rechts­ver­tre­tung in den BAZ und in der ver­trag­li­chen Leis­tungs­ver­ein­ba­rung zwi­schen dem Staats­se­kre­ta­ri­at für Migra­ti­on (SEM) und den Leis­tungs­er­brin­gern Rechts­schutz kon­kre­ti­siert. Die Rechts­ver­tre­tung hat im Hin­blick auf die all­fäl­li­ge Ergrei­fung eines Rechts­mit­tels umge­hend eine Chan­cen­be­ra­tung mit der asyl­su­chen­den Per­son vor­zu­neh­men. Die­se beinhal­tet ins­be­son­de­re eine objek­ti­ve Beur­tei­lung der Pro­zess­chan­cen. Erscheint die Ein­rei­chung einer Beschwer­de zum vor­ne­her­ein als aus­sichts­los, hat die Rechts­ver­tre­tung dar­auf zu ver­zich­ten.» Der Bun­des­rat schliesst dar­aus: «Mit der gesetz­li­chen Bestim­mung von Arti­kel 102h Absatz 4 AsylG und den kon­kre­ti­sie­ren­den Leis­tungs­ob­lie­gen­hei­ten im Pflich­ten­heft zur Bera­tung und Rechts­ver­tre­tung in den BAZ und der Ver­ein­ba­rung mit den Leis­tungs­er­brin­gern Rechts­schutz bestehen bereits ver­pflich­ten­de Vor­ga­ben für die objek­ti­ve Beur­tei­lung der Pro­zess­chan­cen. Eine Ände­rung der ein­schlä­gi­gen Geset­zes­be­stim­mun­gen ist somit nicht notwendig.»

[2] s. Reber Corin­ne, Par­la­ments­mo­ni­to­ring SOSF, Angriff auf «Gra­tis­an­wäl­te», 3. März 2026.

[3] Pikett Asyl, Fach­be­richt, Arbeit der Leis­tungs­er­brin­ger Rechts­schutz in den Bun­des­asyl­zen­tren auf Grund­la­ge einer Befra­gung Asyl­su­chen­der, Janu­ar 2025, S. 22 ff.