Bilanz zur Neu­struk­tu­rie­rung des Asyl­be­reichs

Eine Aus­wer­tung des «Bünd­nis unab­hän­gi­ger Rechts­ar­beit» zeigt: Das Tem­po im neu­en Asyl­ver­fah­ren ist zu hoch und der man­da­tier­te Rechts­schutz funk­tio­niert unge­nü­gend.

Der Asyl­be­reich wur­de am 1. März 2019 mit der Neu­struk­tu­rie­rung wesent­lich ver­än­dert. Das Haupt­ziel der Neue­run­gen war die Beschleu­ni­gung der Ver­fah­ren, wel­che durch die zen­tra­li­sier­te Unter­brin­gung der asyl­su­chen­den Per­so­nen und der Ver­kür­zung sämt­li­cher Fris­ten erreicht wer­den soll­te. Im Sin­ne der Rechts­staat­lich­keit wur­den zudem staat­lich finan­zier­te Rechtsvertreter*innen (sog. Rechts­schutz) ein­ge­führt, wel­che die recht­li­che Ver­tre­tung aller Asyl­su­chen­den sicher­stel­len sol­len. Nach­dem das neue Asyl­ver­fah­ren nun seit über einem Jahr in Kraft ist, zieht das «Bünd­nis unab­hän­gi­ger Rechts­ar­beit im Asyl­be­reich» basie­rend auf einer qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Aus­wer­tung eige­ner Daten sowie öffent­lich zugäng­li­chen Sta­tis­ti­ken im Bericht «Zur Neu­struk­tu­rie­rung des Asyl­be­reichs – Bilanz zu einem Jahr der Umset­zung» Bilanz. Die SBAA ist Mit­glied des Bünd­nis.

In einem Bei­trag der Tages­schau vom 7.10.2020 äus­sert sich Noé­mi Weber, Geschäfts­lei­te­rin der SBAA, kri­tisch zum neu­en Asyl­ver­fah­ren. Aldo Bri­na vom Cent­re social pro­tes­tant Genè­ve und Mit­glied des Bünd­nis, nimmt eben­falls Stel­lung in der Tages­schau des RTS vom 7.10.2020. Dar­über hin­aus neh­men Le Temps im Arti­kel «Le sys­tème d’a­si­le suis­se de nou­veau remis en ques­ti­on» (7.10.2020), die WOZ im Arti­kel «Amt­lich bewil­lig­te Pfu­sche­rei» (8.10.2020) sowie Wat­son im Arti­kel «Beschleu­nig­te Asyl­ver­fah­ren erneut in der Kri­tik» (8.10.2020) das The­ma auf.

Die zen­tra­len Erkennt­nis­se sind die Fol­gen­den:

Das Tem­po im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren ist zu hoch. Dies führt dazu, dass die Asyl­grün­de – ins­be­son­de­re die medi­zi­ni­sche Situa­ti­on – sei­tens des Staats­se­kre­ta­ri­ats für Migra­ti­on (SEM) oft nur unge­nü­gend abge­klärt wer­den (Ver­let­zung des Unter­su­chungs­grund­sat­zes), was durch die hohe Rück­wei­sungs­quo­te des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts belegt ist (Erfolgs­quo­te von 24% im beschleu­nig­ten Ver­fah­ren). Teil die­ses Pro­blems ist, dass das SEM ledig­lich 18% der Ver­fah­ren vom beschleu­nig­ten ins erwei­ter­te Ver­fah­ren über­führt, statt wie ursprüng­lich vor­ge­se­hen 40%.

Die Man­dats­nie­der­le­gung durch den staat­lich finan­zier­ten Rechts­schutz erfolgt zu häu­fig und oft zu Unrecht. Dies ergibt sich zum einen aus den tie­fen Beschwer­de­quo­ten in den Bun­des­asyl­zen­tren (12.5%), ver­bun­den mit den zahl­rei­chen erfolg­reich geführ­ten Beschwer­den von unab­hän­gi­gen Rechts­ver­tre­tun­gen (Erfolgs­quo­te von 23%). Zum ande­ren ist zu beach­ten, dass ein hoher Anteil an Beschwer­den vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sel­ber als «nicht aus­sichts­los» beur­teilt wur­den und folg­lich vom staat­li­chen Rechts­schutz hät­ten geführt wer­den müs­sen (59% bei den vom Bünd­nis geführ­ten Beschwer­den).

Dies führt in Kom­bi­na­ti­on mit den kur­zen Beschwer­de­fris­ten und der oft peri­phe­ren Lage der Bun­des­asyl­zen­tren dazu, dass Betrof­fe­ne ihre ohne­hin über­eilt getrof­fe­nen Ent­schei­de man­gels Zugangs zu exter­ner Rechts­be­ra­tung nicht wei­ter­zie­hen kön­nen. Obwohl staat­li­che Mit­tel für eine lücken­lo­se Rechts­ver­tre­tung bestimmt wären, müs­sen (zu) häu­fig ande­re Orga­ni­sa­tio­nen ein­sprin­gen und die zu Unrecht nie­der­ge­leg­ten Man­da­te über­neh­men – kon­kret erfol­gen über 50% der ein­ge­reich­ten Beschwer­den nicht durch den staat­li­chen Rechts­schutz.

Ob der staat­lich man­da­tier­te Rechts­schutz eine Beschwer­de vor Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt erhebt, vari­iert regio­nal äus­serst stark. Die Aus­sicht einer asyl­su­chen­den Per­son auf eine Beschwer­de ist bspw. in der Roman­die rund vier­mal höher als in der Ost­schweiz.

Der Zeit­druck führt auch beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zu einer Reduk­ti­on der Qua­li­tät der Urtei­le und zu anschlies­sen­den Revi­si­ons­ver­fah­ren, was anhand ein­zel­ner Bei­spie­le auf­ge­zeigt wird.

Auf­grund die­ser und wei­te­rer Fest­stel­lun­gen drän­gen sich zwin­gend Anpas­sun­gen am neu­en Asyl­sys­tem auf. Kon­kret for­dert das Bünd­nis u.a.:

  • die Ein­hal­tung des Unter­su­chungs­grund­sat­zes durch das SEM und damit ver­bun­den die Ver­län­ge­rung aller erst­in­stanz­li­chen Behand­lungs­fris­ten;
  • eine sorgfältige(re) Tria­ge wäh­rend des Asyl­ver­fah­rens – kom­ple­xe Fäl­le müs­sen kon­se­quent ins erwei­ter­te Ver­fah­ren über­führt wer­den, sofern sie nicht sofort posi­tiv ent­schie­den wer­den kön­nen;
  • die Ver­län­ge­rung der gesetz­li­chen Beschwer­de­frist bei mate­ri­el­len Asy­l­ent­schei­den im beschleu­nig­ten Ver­fah­ren sowie bei Nicht­ein­tre­tens­ent­schei­den;
  • die Ver­län­ge­rung der Behand­lungs­fris­ten des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts;
  • die Offen­le­gung der Begrün­dung zur Man­dats­nie­der­le­gung durch die Rechts­ver­tre­tung, ver­bun­den mit der Eta­blie­rung einer weni­ger restrik­ti­ven und dem Wil­len des Gesetz­ge­bers ent­spre­chen­den Man­dats­nie­der­le­gungs­pra­xis.

Das Bünd­nis unab­hän­gi­ger Rechts­ar­beit im Asyl­be­reich ist ein Zusam­men­schluss ver­schie­de­ner Bera­tungs­stel­len, Orga­ni­sa­tio­nen, Anwält*innen und enga­gier­ter Ein­zel­per­so­nen, die Rechts­ar­beit im Asyl­be­reich leis­ten. Alle im Bündnis Ver­tre­te­nen eint, dass sie sowohl im beschleu­nig­ten wie im erwei­ter­ten Ver­fah­ren aus­ser­halb des staat­li­chen Rechts­schut­zes agie­ren. Teil des Bünd­nis­ses sind u.a .die Frei­platz­ak­ti­on Zürich, die Frei­platz­ak­ti­on Basel, das Cent­re social pro­tes­tant (CSP), Genè­ve, das Soli­da­ri­täts­netz Bern, die Schwei­ze­ri­sche Beob­ach­tungs­stel­le für Asyl- und Aus­län­der­recht SBAA, die Demo­kra­ti­schen Juris­ten und Juris­tin­nen Schweiz, AsyLex sowie ver­schie­de­ne Ein­zel­per­so­nen.