CEDAW rügt die Schweiz in zwei weg­wei­sen­den Entscheiden

Der UN-Aus­schuss zur Besei­ti­gung der Dis­kri­mi­nie­rung der Frau (CEDAW) hat in zwei aktu­el­len Fäl­len fest­ge­stellt, dass die Schweiz gegen zen­tra­le Bestim­mun­gen der Frau­en­rechts­kon­ven­ti­on ver­stos­sen hat. 

In den Fäl­len K.J. gegen die Schweiz und Z.E. und A.E. gegen die Schweiz kri­ti­siert der Aus­schuss ins­be­son­de­re, dass die Schwei­zer Behör­den afgha­ni­sche Frau­en nach Grie­chen­land zurück­wei­sen woll­ten – trotz kon­kre­ter Hin­wei­se dar­auf, dass sie dort kei­ner­lei Schutz vor geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt erhal­ten würden.

Die Betrof­fe­nen hat­ten in Grie­chen­land zwar Flücht­lings­sta­tus erhal­ten, waren dort jedoch sexua­li­sier­ter Gewalt und Bedro­hun­gen aus­ge­setzt, ohne Zugang zu Schutz­struk­tu­ren, medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung oder finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung. Ihre Wei­ter­flucht in die Schweiz war Aus­druck aku­ter Schutz­be­dürf­tig­keit. Den­noch lehn­ten die Schwei­zer Behör­den ihre Asyl­ge­su­che ab – nicht etwa gestützt auf Dub­lin-III, son­dern unter Beru­fung auf die soge­nann­te Dritt­staa­ten­re­ge­lung, wonach Grie­chen­land als „siche­rer Dritt­staat“ gel­te. Die­se Ein­stu­fung wur­de vom CEDAW-Aus­schuss nun deut­lich infra­ge gestellt.

Der Aus­schuss stell­te in bei­den Fäl­len Ver­stös­se gegen die Arti­kel 2(c–f), 3 und 12 der Kon­ven­ti­on fest. Beson­ders her­vor­zu­he­ben sind:

  • Pflicht zur trau­ma­sen­si­blen Risi­ko­be­ur­tei­lung: Die Schwei­zer Behör­den unter­lies­sen es, vor der Rück­wei­sung eine indi­vi­dua­li­sier­te, geschlech­ter­spe­zi­fi­sche und trau­ma­sen­si­ble Beur­tei­lung der kon­kre­ten Gefah­ren­la­ge in Grie­chen­land vor­zu­neh­men. Der Aus­schuss betont, dass eine sol­che Prü­fung zwin­gend erfor­der­lich ist – beson­ders bei Über­le­ben­den sexua­li­sier­ter Gewalt.
  • Ver­let­zung des Rechts auf Gesund­heit: In bei­den Fäl­len wur­de nicht geprüft, ob die betrof­fe­nen Frau­en in Grie­chen­land Zugang zu medi­zi­ni­scher und psy­cho­lo­gi­scher Ver­sor­gung zur Ver­ar­bei­tung ihrer Gewalt­er­fah­run­gen hät­ten. Dass dies nicht gewähr­leis­tet war, stellt laut Aus­schuss eine Ver­let­zung des Rechts auf Gesund­heit dar.
  • Glaub­wür­dig­keits­zwei­fel auf­grund spä­ter Offen­le­gung unzu­läs­sig: Im Fall K.J. wur­den die Aus­sa­gen der Betrof­fe­nen von den Schwei­zer Behör­den pau­schal ver­wor­fen, weil sie ihre Gewalt­er­fah­run­gen erst spät im Ver­fah­ren offen­leg­te. Der Aus­schuss hält fest, dass gera­de trau­ma­ti­sier­te Frau­en oft Zeit benö­ti­gen, um über das Erleb­te zu spre­chen – und dass eine ver­spä­te­te Offen­le­gung kei­nes­falls die Glaub­wür­dig­keit mindert.
  • Sekun­dä­re Betrof­fen­heit naher Bezugs­per­so­nen: Im Fall Z.E. und A.E. ver­such­te die Rechts­ver­tre­tung, auch den Bru­der der Antrag­stel­le­rin unter CEDAW-Schutz zu stel­len, da er ihr zen­tra­len Schutz bot und selbst bedroht wur­de. Dies wur­de vom Aus­schuss zwar abge­lehnt, doch wur­de die Tür für künf­ti­ge Aner­ken­nung sol­cher Kon­stel­la­tio­nen offengelassen.

Die bei­den Ein­ga­ben wur­den von Rechts­an­wäl­tin Ste­pha­nie Motz in Zusam­men­ar­beit mit dem Team von AsyLex geführt. Sie zei­gen ein­drück­lich, wie stra­te­gi­sche Pro­zess­füh­rung vor inter­na­tio­na­len Gre­mi­en men­schen­recht­li­che Schutz­stan­dards wei­ter­ent­wi­ckeln kann.

Urtei­le im Voll­text:
K.J. v. Switz­er­land – CEDAW/C/89/D/162/2020
Z.E. and A.E. v. Switz­er­land – CEDAW/C/89/D/163/2020

30. Juli 2025 (mh)