Juris­ti­sche Stel­lung­nah­me zu Mass­nah­men im Asyl­be­reich

In einem Rechts­gut­ach­ten beur­teilt Prof. Thier­ry Tan­que­rel die Mass­nah­men im Asyl­be­reich im Zusam­men­hang mit COVID-19.

Der Bun­des­rat hat­te im Zusam­men­hang mit dem Coro­na-Virus ver­schie­de­ne Mass­nah­men im Asyl­be­reich beschlos­sen und dazu eine Ver­ord­nung erlas­sen (COVID-19-Ver­ord­nung Asyl). Die SBAA kri­ti­sier­te wie­der­holt, dass der Bun­des­rat die Asyl­ver­fah­ren nicht sis­tiert und dadurch den Gesund­heits­schutz aller betei­lig­ten Per­so­nen nicht als obers­te Prio­ri­tät behan­delt (sie­he u.a. gemein­sa­me Stel­lung­nah­me der SBAA und Platt­form ZiAB vom 03.04.20 und Gast­bei­trag der SBAA im „Bund“ vom 11.04.2020).

Thier­ry Tan­que­rel, Hono­rar­pro­fes­sor für Ver­fas­sungs­recht an der Uni­ver­si­tät Genf, hat für Soli­da­ri­té sans Fron­tiè­res (SOSF) ein Rechts­gut­ach­ten (auf Fran­zö­sisch) ver­fasst zur Fra­ge, ob die Mass­nah­men ver­fas­sungs- und rechts­kon­form sind. Die SBAA weist im vor­lie­gen­den Bei­trag auf eini­ge der Erkennt­nis­se hin.

Prof. Tan­que­rel hält fest, dass es sich nicht um eine Ver­let­zung der Bun­des­ver­fas­sung han­delt, die Asyl­ver­fah­ren nicht zu sis­tie­ren. Viel­mehr müs­se man die Fra­ge der Ver­fas­sungs­kon­for­mi­tät im Ein­zel­fall stel­len. Er ist jedoch von der Argu­men­ta­ti­on des Bun­des­rats nicht über­zeugt: Die­ser hat­te argu­men­tiert, dass er die Asyl­ver­fah­ren fort­füh­re, um die inter­na­tio­na­len Ver­pflich­tun­gen der Schweiz ein­zu­hal­ten. Für Prof. Tan­que­rel ist „nicht erkenn­bar, wel­che Ver­pflich­tung die Schweiz ver­let­zen könn­te, wenn sie abge­lehn­te Asyl­su­chen­de eini­ge Wochen oder Mona­te spä­ter aus­schafft“. Die Nicht-Sis­tie­rung sei aus „gesund­heit­li­cher, huma­ni­tä­rer und ethi­scher Sicht“ höchst frag­wür­dig.

Die Mass­nah­me, dass Befra­gun­gen ohne Rechts­ver­tre­tung oder Hilfs­werks­ver­tre­tung durch­ge­führt wer­den kön­nen, wenn ihre Teil­nah­me pan­de­mie­be­dingt nicht mög­lich ist, stuft Prof. Tan­que­rel als „unver­hält­nis­mäs­si­ge und damit ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ein­schrän­kung der gesetz­li­chen und ver­fas­sungs­mäs­si­gen Rech­te der Asyl­su­chen­den“ ein. Die Durch­füh­rung der Anhö­rung in zwei getrenn­ten Räu­men ver­stärkt laut Prof. Tan­que­rel „die Risi­ken von Miss­ver­ständ­nis­sen und unzu­rei­chen­der Bera­tung“. Die­se Män­gel könn­ten in bestimm­ten Fäl­len bei Rekur­sen gel­tend gemacht wer­den. Wenn es auf­grund einer Befra­gung oder ande­ren Ver­fah­rens­schrit­ten zu einer Anste­ckung kom­me, weil die Emp­feh­lun­gen des BAG nicht befolgt wor­den sei­en, kön­ne der Staat haf­ten und wäre zur Leis­tung von Scha­den­er­satz ver­pflich­tet.