Neue Impul­se für einen ver­bes­ser­ten Bildungszugang

Am 8. Sep­tem­ber 2022 orga­ni­sier­te die SBAA in Bern eine Fach­ta­gung. Rund 80 Per­so­nen dis­ku­tier­ten Lösungs­an­sät­ze für einen chan­cen­ge­rech­ten Zugang zu Bildung.

Ein Jahr nach der Publi­ka­ti­on des Fach­be­richts «Zugang zu Bil­dung unab­hän­gig vom Auf­ent­halts­recht» lud die SBAA Betrof­fe­ne, Enga­gier­te und Fach­per­so­nen zu einer halb­tä­gi­gen Fach­ta­gung ein. Das Ziel war, gemein­sam Lösungs­an­sät­ze für einen ver­bes­ser­ten Zugang zu Bil­dung für Geflüch­te­te und Men­schen ohne Blei­be­recht zu dis­ku­tie­ren und wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Um es in den ein­lei­ten­den Wor­ten von Chris­toph Rei­chen­au, Vor­stands­mit­glied der SBAA zu sagen: «Wir wol­len Ihr Fach­wis­sen, Ihre Erfah­rung an der Schnitt­stel­le zwi­schen Bil­dung und Inte­gra­ti­on abho­len und nutzen.»

Arbeits­kräf­te­man­gel und Bildungsverständnis

Den fach­li­chen Dis­kus­sio­nen vor­an­ge­stellt waren zwei Blitz­lich­ter zur Ein­stim­mung. Simon Wey, Chef­öko­nom des Arbeit­ge­ber­ver­bands, refe­rier­te zum volks­wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hang von Fach- und Arbeits­kräf­te­man­gel und Zuwan­de­rung. Vie­le Betrie­be in der Schweiz, in gewis­sen Bran­chen gar die über­wie­gen­de Mehr­heit, nen­nen feh­len­de Arbeits­kräf­te als gros­se Her­aus­for­de­rung in ihrem All­tag. Für den Arbeit­ge­ber­ver­band sind Geflüch­te­te mit Blei­be­recht eine der Grup­pen, deren Poten­zi­al zur Behe­bung die­ses Miss­stan­des beson­de­re Beach­tung ver­dient. Der ehe­ma­li­ge Erzie­hungs­di­rek­tor des Kan­tons Bern, Bern­hard Pul­ver, for­mu­lier­te dar­auf­hin the­sen­ar­tig die Bedeu­tung von Bil­dung für das Indi­vi­du­um und die Gesell­schaft als Gan­zes. Er beschrieb ein­drück­lich, wes­halb sich die Inves­ti­ti­on für bei­de Sei­ten lohnt. Wür­den einer Per­son Bil­dungs­chan­cen vor­ent­hal­ten, so ver­wei­ge­re man ihr den Schritt in die Gesell­schaft und neh­me sie als Mensch nicht wahr.

Zugang zu Bil­dung für Geflüchtete

In einem ers­ten län­ge­ren Block umriss Alex­an­dra Fel­der von der Eid­ge­nös­si­schen Hoch­schu­le für Berufs­bil­dung die aktu­el­le Situa­ti­on beim Zugang zur Bil­dung für Erwach­se­ne und jun­ge Men­schen, die in die Schweiz geflüch­tet sind. Sie äus­ser­te sich zur feh­len­den Erfas­sung und Nut­zung von Kom­pe­ten­zen der neu­an­kom­men­den Geflüch­te­ten. Auf­ge­zwun­ge­ne Pas­si­vi­tät und pre­kä­re Auf­ent­halts­si­cher­heit hät­ten oft lang­fris­ti­ge Aus­wir­kun­gen auf die Mög­lich­keit, sich ein Leben in der Schweiz auf­zu­bau­en. Mit Pro­jek­ten wie der Inte­gra­ti­ons­vor­leh­re sei betref­fend der Inte­gra­ti­on die­ser Ziel­grup­pe in die Berufs­bil­dung viel erreicht wor­den. Oft sei aber die Beglei­tung in die­sem Pro­zess noch unge­nü­gend. Der Auf­bau von sozia­len und pro­fes­sio­nel­len Unter­stüt­zungs­netz­wer­ken sei ein ent­schei­den­der Fak­tor für erfolg­rei­che Bildungsbiografien.

Zugang zu Bil­dung für Men­schen ohne Bleiberecht

Im Rah­men eines Nach­di­plom­stu­di­ums hat­te Mar­kus Blätt­ler, Amts­vor­ste­her des Migra­ti­ons­amts des Kan­tons Schwyz, eine Abschluss­ar­beit zur Fra­ge der Erwerbs­tä­tig­keit von Not­hil­fe­be­zie­hen­den ver­fasst. An der Fach­ta­gung der SBAA prä­sen­tier­te er das dar­aus ent­stan­de­ne Pilot­pro­jekt für Lang­zeit-Not­hil­fe­be­zie­hen­de. Dabei wird abge­wie­se­nen Asyl­su­chen­den die Mög­lich­keit gege­ben, an Beschäf­ti­gungs­pro­gram­men teil­zu­neh­men. Die Moti­va­ti­ons­zu­la­ge aus die­ser Tätig­keit fliesst auf ein Sperr­kon­to, wel­ches erst bei einer all­fäl­li­gen frei­wil­li­gen Aus­rei­se nach der rund zwei­jäh­ri­gen Dau­er des Pro­gramms aus­be­zahlt wird. Damit haben Per­so­nen, deren Asyl­ge­such rechts­kräf­tig abge­wie­sen wur­de, im Kan­ton Schwyz Mög­lich­kei­ten, wel­che in ande­ren Kan­to­nen feh­len. Die Aus­füh­run­gen von Mar­kus Blätt­ler gaben den Anstoss, wei­ter dar­über nach­zu­den­ken, wel­che Bil­dungs­per­spek­ti­ven und beruf­li­che Ent­wick­lung Men­schen offen­ste­hen soll­ten, die kein for­mel­les Recht auf Auf­ent­halt in der Schweiz haben.

Ein per­sön­li­ches und poli­ti­sches Schlussgespräch

Mode­riert von Bet­ti­na Loo­ser, Geschäfts­füh­re­rin der Eid­ge­nös­si­schen Migra­ti­ons­kom­mis­si­on EKM, unter­hiel­ten sich Roksan Kasem, Marie-Fran­ce Roth-Pas­quier und Tama­ra Iskra zum Schluss der Fach­ta­gung über das, was ihnen bleibt, und was ihnen wich­tig erscheint. Die Flücht­lings­par­la­men­ta­rie­rin Roksan Kasem bedau­er­te, dass das Bil­dungs­ver­ständ­nis, wel­ches ihr bei ihrer Ankunft in der Schweiz ver­mit­telt wor­den war, lei­der nicht mit dem, an die­ser Ver­an­stal­tung ver­tre­te­nen, über­ein­stim­me. Zu oft sei es der Fall, dass Geflüch­te­te dequa­li­fi­ziert wür­den. Sie beton­te die Bedeu­tung von Brückenbauer:innen. Geflüch­te­te ver­stün­den die Schwie­rig­kei­ten Geflüch­te­ter oft bes­ser als alle ande­ren. Die Natio­nal­rä­tin Marie-Fran­ce Roth-Pas­quier resü­mier­te, dass Betrof­fe­ne, Fach­per­so­nen und Politiker:innen zu sel­ten zusam­men­kä­men. Dies habe zur Fol­ge, dass der Poli­tik nicht immer bewusst sei, wel­che Aus­wir­kun­gen Geset­ze haben. Sie ver­wies aber auch auf einen Vor­stoss der Kom­mis­si­on für Wis­sen­schaft, Bil­dung und Kul­tur des Natio­nal­ra­tes, der eine ver­bes­ser­te Erfas­sung und Nut­zung der Kom­pe­ten­zen von Geflüch­te­ten zum Ziel habe. Die Inte­gra­ti­ons­de­le­gier­te Tama­ra Iskra zeig­te sich inspi­riert vom Aus­tausch und von den unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven. Sie beton­te das Poten­zi­al der Zivil­ge­sell­schaft. Der Bereich der sozia­len Inte­gra­ti­on wer­de nach wie vor zu oft unterschätzt.

Aus­blick

Die inten­si­ven Dis­kus­sio­nen an der Fach­ta­gung und die Schlüs­se, wel­che sich dar­aus für die wei­te­re Arbeit der SBAA und der Kam­pa­gne «Bil­dung für alle – jetzt!» zie­hen las­sen, wer­den in den kom­men­den Mona­ten in einer kur­zen Publi­ka­ti­on ver­ar­bei­tet. Die SBAA wird sich wei­ter­hin auf natio­na­ler und kan­to­na­ler Ebe­ne dafür ein­set­zen, dass der Bil­dungs­zu­gang unab­hän­gig vom Auf­ent­halts­recht für alle in der Schweiz wohn­haf­ten Per­so­nen chan­cen­ge­rech­ter aus­ge­stal­tet wird. Sie wird dabei auf das Wis­sen und die Erfah­run­gen der Teil­neh­men­den der Fach­ta­gung vom 8. Sep­tem­ber zurück­grei­fen und die gemein­sa­me Zusam­men­ar­beit weiterentwickeln.