SEM muss deut­lich mehr Asy­l­ent­schei­de neu beur­tei­len

Seit Inkraft­tre­ten des neu­en Asyl­ver­fah­rens weist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt drei­mal mehr Asy­l­ent­schei­de zurück ans SEM für eine Neu­be­ur­tei­lung.

Per­so­nen im Asyl­ver­fah­ren, die mit dem Asy­l­ent­scheid des Staats­se­kre­ta­ri­ats für Migra­ti­on (SEM) nicht ein­ver­stan­den sind, kön­nen beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (BVGer) Beschwer­de erhe­ben. Für Ent­schei­de auf dem Gebiet des Asyl­we­sens ist das BVGer die ers­te und letz­te Instanz in der Schweiz, die Urtei­le kön­nen nicht ans Bun­des­ge­richt wei­ter­ge­zo­gen wer­den. Wenn das Gericht der Ansicht ist, dass es eine Neu­be­ur­tei­lung braucht, kann es den Fall ans SEM zurück­wei­sen. Zwi­schen 2007 und 2018 wies das BVGer 4.8% der Asy­l­ent­schei­de zurück ans SEM. Seit Inkraft­tre­ten des neu­en Asyl­ver­fah­rens am 1. März 2019 sind die Rück­wei­sun­gen ans SEM mehr als drei­mal so hoch – die Quo­te beträgt 16.9%. Wie ein Medi­en­spre­cher des BVGer in einem Bei­trag in der Tages­schau vom 15.10.2019 sagt, hat das Gericht noch kei­ne Erklä­rung für den Anstieg.

Die Fäl­le wer­den ins­be­son­de­re zurück­ge­wie­sen, wenn es sich um Ver­fah­rens­feh­ler han­delt oder der Sach­ver­halt genau­er abge­klärt wer­den muss. So hat das BVGer in min­des­tens 14 Urtei­len inner­halb von 12 Mona­ten fest­ge­stellt, dass das SEM den Gesund­heits­zu­stand der asyl­su­chen­den Per­so­nen nicht genü­gend abge­klärt hat (SRF Radio­bei­trag in der Sen­dung Ren­dez-vous vom 07.06.2019). In zwei wei­te­ren Fäl­len rüg­te das BVGer das SEM, weil es die asyl­su­chen­den Per­so­nen auf­grund der Dub­lin-Ver­ord­nung nach Kroa­ti­en zurück­schi­cken woll­te, ohne aber die indi­vi­du­el­len Umstän­de genü­gend abzu­klä­ren und ohne genü­gend auf die doku­men­tier­ten Miss­hand­lun­gen der asyl­su­chen­den Per­so­nen ein­zu­ge­hen (Tages­schau vom 28.09.2019).

In Ver­wal­tungs­ver­fah­ren – und somit auch im Asyl­ver­fah­ren – gilt für die Behör­den der Unter­su­chungs­grund­satz (Art. 12 VvWG). Das SEM muss also den Sach­ver­halt von Amtes wegen fest­stel­len und die asyl­su­chen­den Per­so­nen umfas­send und kor­rekt anhö­ren. Die SBAA for­dert, dass das SEM sei­ne Unter­su­chungs­pflicht auch im beschleu­nig­ten Asyl­ver­fah­ren umfas­send wahr­nimmt und den Sach­ver­halt indi­vi­du­ell, sorg­fäl­tig und voll­stän­dig fest­stellt. Es kann und darf nicht sein, dass die Situa­ti­on von Asyl­su­chen­den nicht genü­gend abge­klärt und das neue Asyl­ver­fah­ren auf Kos­ten der schutz­su­chen­den Per­so­nen beschleu­nigt wird.