Trau­ma­ti­sier­te Geflüch­te­te sind kei­ne Aus­nah­me

Am Podi­um der SBAA dis­ku­tier­ten Fach­per­so­nen über die Bedeu­tung von Trau­ma­ta für geflüch­te­te Men­schen im Asyl­ver­fah­ren und im All­tag.

Rund 80 Per­so­nen nah­men am 30. Okto­ber im Kon­gress­zen­trum Kreuz in Bern an einem von der SBAA orga­ni­sier­ten Podi­um teil. Caro­la Smo­len­ski (Ambu­la­to­ri­um für Fol­ter- und Kriegs­op­fer SRK Bern), Lau­ra Ros­si (Anwäl­tin) und Tho­mas Seges­sen­mann (Staats­se­kre­ta­ri­at für Migra­ti­on, SEM) dis­ku­tier­ten über die Bedeu­tung und Aus­wir­kun­gen von Trau­ma­ta, die Bedürf­nis­se von geflüch­te­ten, trau­ma­ti­sier­ten Men­schen und die drin­gen­den Ver­än­de­run­gen. Mode­riert wur­de die Ver­an­stal­tung von der Jour­na­lis­tin Rita Jost.

Im Rah­men eines Input­re­fe­rats erläu­ter­te Fran­zis­ka Mül­ler von Inter­face Poli­tik­stu­di­en die Her­aus­for­de­run­gen bei der Früh­erken­nung und Behand­lung von trau­ma­ti­sier­ten Asyl­su­chen­den. Als Grund­la­ge dafür dien­te die Inter­face-Stu­die «Psy­chi­sche Gesund­heit von trau­ma­ti­sier­ten Asyl­su­chen­den: Situa­ti­ons­ana­ly­se und Emp­feh­lun­gen – Bericht zuhan­den des BAG, Sek­ti­on Gesund­heit­li­che Chan­cen­gleich­heit» (2018). Fran­zis­ka Mül­ler hielt fest, dass natio­na­le Zah­len zu trau­ma­ti­sier­ten Asyl­su­chen­den feh­len. Gemäss inter­na­tio­na­len wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en lei­den 30 bis 60 Pro­zent an einer Trau­ma­fol­ge­er­kran­kung. Sie kri­ti­sier­te, dass es in den Bun­des­asyl­zen­tren zwar eine Infor­ma­ti­on, aber kei­ne obli­ga­to­ri­sche medi­zi­ni­sche Kon­sul­ta­ti­on gibt und die­se vor allem auf die phy­si­sche – und nicht auf die psy­chi­sche – Gesund­heit aus­ge­rich­tet ist.

Die For­de­rung zur Ein­füh­rung einer obli­ga­to­ri­schen medi­zi­ni­schen Kon­sul­ta­ti­on wur­de auch vom Publi­kum auf­ge­grif­fen. Tho­mas Seges­sen­mann ent­geg­ne­te jedoch, dass das SEM ein Scree­ning aus Geld­man­gel nicht umset­zen kann und weil es an genü­gend aus­ge­bil­de­ten Psychiater*innen feh­le. Caro­la Smo­len­ski for­der­te als Zwi­schen­schritt, dass zumin­dest beson­ders ver­letz­li­che Per­so­nen frü­her iden­ti­fi­ziert wer­den, denn auch Psychotherapeut*innen und spe­zi­fisch geschul­tes Pfle­ge­fach­per­so­nal könn­ten Abklä­run­gen vor­neh­men. Bei den Behör­den sei zudem eine ver­stärk­te Sen­si­bi­li­sie­rung und Schu­lung not­wen­dig, da Trau­ma­ta bei asyl­su­chen­den Per­so­nen kei­ne Aus­nah­me sei­en. Smo­len­ski for­der­te zudem beson­de­ren Schutz für Kin­der und Jugend­li­che.

Die Anwäl­tin Lau­ra Ros­si wies dar­auf hin, dass die Schwei­zer Behör­den dazu ver­pflich­tet sind, Opfer von Fol­ter und Men­schen­han­del zu iden­ti­fi­zie­ren und bei Hin­wei­sen Abklä­run­gen vor­zu­neh­men. Tun sie das nicht, ver­let­ze die Schweiz ihre völ­ker­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen. Für die Unter­su­chung von Fol­ter ist das «Istan­bul-Pro­to­koll» die wich­tigs­te recht­li­che und inter­na­tio­na­le Grund­la­ge. Caro­la Smo­len­ski for­der­te das SEM dazu auf, medi­zi­ni­sche Berich­te beim Ambu­la­to­ri­um anzu­for­dern und sprach sich unter ande­rem bzgl. Istan­bul-Pro­to­koll für eine geziel­te Zusam­men­ar­beit aus.

Bei Asyl­ver­fah­ren gilt der Grund­satz «ohne Glaub­haf­tig­keit kein Asyl». Asyl­su­chen­de müs­sen ihre Flucht­grün­de detail­liert, glaub­haft und mög­lichst wider­spruchs­frei erzäh­len. Anwäl­tin Lau­ra Ros­si wies dar­auf hin, dass die gesuch­stel­len­den Per­so­nen ihre Schil­de­run­gen nicht bewei­sen, son­dern glaub­haft­ma­chen müs­sen. Sie for­der­te, dass im Asyl­ver­fah­ren der Grund­satz «in dubio pro refu­gio» (im Zwei­fel für die Gesuchsteller*in) umge­setzt wird: Wenn die Schil­de­run­gen der gesuch­stel­len­den Per­so­nen über­wie­gend wahr­schein­lich sei­en, dann sei­en sie als glaub­haft zu betrach­ten.

Radio RaBe, RaBe-Info vom 30. Okto­ber: «Trau­ma­ti­sier­te Geflüch­te­te benach­tei­ligt»

Fach­be­richt der SBAA «Glaub­haf­tig­keit im Asyl­ver­fah­ren» (2019)

 

Input­re­fe­rat von Fran­zis­ka Mül­ler (Foto: Leo­nie Mugglin)
Vol­ler Saal im Kon­gress­zen­trum Kreuz in Bern (Foto: Leo­nie Mugglin)