Vor Gericht wegen Hil­fe aus huma­ni­tä­ren Grün­den

Ges­tern fand der Pro­zess gegen die 73-jäh­ri­ge Anni Lanz statt, da sie einen sui­zid­ge­fähr­de­ten Afgha­nen in die Schweiz zurück­brin­gen woll­te.

Anni Lanz lern­te den jun­gen Afgha­nen ken­nen, als sie ihn im Febru­ar in einem Aus­schaf­fungs­ge­fäng­nis besuch­te. Weni­ge Tage spä­ter wur­de er trotz meh­re­rer Sui­zid­ver­su­che unter Anwen­dung der Dub­lin-Ver­ord­nung nach Ita­li­en zurück­ge­führt – obwohl meh­re­re Ärz­te davon abge­ra­ten hat­ten und er auf sei­ne Schwes­ter ange­wie­sen ist, die in der Schweiz lebt. Nach­dem das Auf­nah­me­zen­trum in Mai­land den jun­gen Afgha­nen abge­lehnt hat­te, hielt er sich in Domo­dos­so­la auf, muss­te bei minus 10 Grad im Frei­en schla­fen und hat­te Erfrie­run­gen. Als Anni Lanz davon erfuhr, reis­te sie im Febru­ar nach Domo­dos­so­la. Sie woll­te ihn in ihrem Auto zurück in die Schweiz brin­gen, wur­de dabei aber von der Grenz­po­li­zei gestoppt. Der jun­ge Afgha­ne wur­de zurück nach Domo­dos­so­la gebracht, Anni Lanz wegen „Erleich­te­rung der rechts­wid­ri­gen Ein­rei­se in die Schweiz“ (Art. 116 Aus­län­der­ge­setz) zu einer beding­ten Geld­stra­fe von 30 Tages­sät­zen à 50 Fran­ken und einer Bus­se bestraft. Da sie den Straf­be­fehl nicht akzep­tie­ren woll­te, kam es ges­tern zum Pro­zess vor dem Bezirks­ge­richt Brig.

Wie Info­sper­ber berich­tet, sag­te der Staats­an­walt ges­tern, Anni Lanz habe gewusst, dass sie eine Straf­tat bege­he. Er mein­te aber auch, dass es sich um einen „ent­schuld­ba­ren Not­fall“ hand­le. Ob eine Straf­mil­de­rung ange­bracht sei, müs­se das Gericht nun prü­fen. Anni Lanz‘ Ver­tei­di­ger bean­trag­te, alle Vor­wür­fe fal­len­zu­las­sen. Er argu­men­tier­te u.a., dass die Staats­ge­walt unrecht­mäs­sig aus­ge­führt wor­den sei, da die Anord­nung von Zwangs­mass­nah­men bei heik­lem Gesund­heits­zu­stand ver­bo­ten sei. Zudem sei die Rück­füh­rung nach Ita­li­en noch wäh­rend der Beschwer­de­frist voll­zo­gen wor­den. Der Anwalt ver­trat zudem die Ansicht, dass Anni Lanz gemäss Schwei­zer Gesetz sogar ver­pflich­tet gewe­sen sei, zu hel­fen. Die Urteils­er­öff­nung steht noch aus.

Bei Anni Lanz han­delt es sich nicht um einen Ein­zel­fall. Im Jahr 2017 wur­den gemäss Bun­des­amt für Sta­tis­tik 785 Per­so­nen wegen Ver­stoss gegen Art. 116 des Aus­län­der­ge­set­zes ver­ur­teilt. Aus der Sta­tis­tik ist jedoch nicht ersicht­lich, wie vie­le Per­so­nen aus huma­ni­tä­ren Grün­den han­del­ten. Die SBAA for­dert, dass Soli­da­ri­tät und huma­ni­tä­re Hil­fe wie­der ent­kri­mi­na­li­siert wer­den. Men­schen, die sich unei­gen­nüt­zig, fried­lich und soli­da­risch ein­set­zen und kei­ne finan­zi­el­len Vor­tei­le dar­aus zie­hen, sol­len geschützt und deren Han­deln nicht sank­tio­niert wer­den.